Als ich schlummernd lag heut‘ Nacht

  1. Als ich schlummernd lag heut‘ Nacht, lockten süsse Träume, schimmernd in der Jugend Pracht, mich in ferne Räume. Krasses Füchslein sass ich schlank in der Kneipe wieder, und in vollem Chore klang laut das Lied der Lieder: Gaudeamus igitur …
  2. Tabakswolkenduft umkreist, bläulich, Rheinweinbecher; desto heller flammt der Geist in dem Haupt der Zecher. Füchslein fühlt im Weltenrund sich der Schöpfung Krone; und er singt mit keckem Mund und mit keckem Tone: Ubi sunt, qui ante nos …
  3. Jäh erwacht‘ ich. – Glockenklar tönt mir’s in den Ohren: Heut‘ sind’s runde siebzig Jahr, seit du wardst geboren. Heut‘ schon liegen hinter dir der Semester hundert! – Hell rieb ich die Augen mir, summte still verwundert: Vita nostra brevis est …
  4. Schnell vom Lager sprang ich auf, rief: Mir hat das Leben viel in seinem kurzen Lauf, Leid und Lust, gegeben. Sei vergessen, was gedrückt mich mit Sorg‘ und Plage; heut‘ ein Hoch dem, was beglückt meine jungen Tage: Vivat academia …
  5. Gold’ne Burschenzeit entflog schnell – dass Gott erbarme! Ledern Philisterium zog mich in dürre Arme. Doch philistern lernt‘ ich nicht, hoch auf go|d’nen Schwingen, trug mich Lieb‘ zum Himmelslicht, jubelnd durft‘ ich singen: Vivant omnes virgines …
  6. Weib und Kinder an der Hand freut‘ ich mich des Lebens; nützlich sein dem Vaterland, ward das Ziel des Strebens. Konnte sich’s zum Paradies auch nicht ganz gestalten, Treue, die ich ihm erwies, hat’s mir doch gehalten. Vivat et res publica …
  7. lm latein’schen Liede sang heut‘ ich alter Knabe meines Lebens ganzen Gang von der Wieg‘ zum Grabe; komme, wann du willst, Freund Hein, mich zur Ruh‘ zu bringen; doch, wie einst als Füchselein, will der Greis noch singen: Pereat tristitia …